Attacken gegen das Holocaust-Gedenken -PANORAMA berichtet
Attacken gegen das Holocaust-Gedenken haben zugenommen. In Sachsen-Anhalt hat die AfD ein Regierungsprogramm vorgelegt, das zentrale Elemente der bisherigen Erinnerungskultur ausspart.
Wir dokumentieren einen Text der PANORAME-Redaktion.
PANORAMA berichtet: Holocaust: Polemik statt Gedenken
PANORAMA berichtet über die Haltung und Äußerungen der AFD zum Gedenken an die NS-Verbrechen. Wir dokumentieren hier den Text der Redaktion zur Sedung.
PANORAMA / NDR
https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/2026/holocaust-polemik-statt-gedenken,holocaust-gedenken-124.html
Holocaust: Polemik statt Gedenken
Stand: 26.02.2026 22:37 Uhr
Attacken gegen das Holocaust-Gedenken haben zugenommen. In Sachsen-Anhalt hat die AfD ein Regierungsprogramm vorgelegt, das zentrale Elemente der bisherigen Erinnerungskultur ausspart.
von Robert Bongen, Julian Feldmann und Noura Mahdhaoui
Zwei Führungen am Tag finden bisher in der NS-"Euthanasie" Gedenkstätte in Bernburg an der Saale (Sachsen-Anhalt) statt. 14.000 Menschen, vor allem mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, haben die Nazis in der "Heil- und Pflegeanstalt" umgebracht, vergast im Keller der damaligen Tötungsanstalt. Vor allem Schülergruppen besuchen die Gedenkstätte.
Das könnte sich mit der AfD in Sachsen-Anhalt bald ändern. Im September finden dort Landtagswahlen statt und die Partei liegt in Umfragen bei knapp 40 Prozent. Im Entwurf des Regierungsprogramms des AfD-Landesverbands lässt sich eine Verschiebung in der Erinnerungskultur erkennen: Unter der Überschrift "Geschichte erinnern - soldatisches Opfer ehren" kündigt die Partei an, etwa die gefallenen Soldaten beider Weltkriege stärker in den Fokus zu rücken.
Ergänzt wird das durch eine geplante Kampagne mit dem Titel #deutschdenken. Ziel sei es, deutsche Heldenorte zu besuchen und Patriotismus zu fördern. Eine explizite Bezugnahme auf den Holocaust oder auf bestehende KZ- und NS-Gedenkstätten findet sich im Programmentwurf nicht.
Löw: Betonung "soldatischer Tradition" soll NS-Vergangenheit überlagern
Andrea Löw, Professorin und Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München, sieht im Programm der AfD den Versuch, die historische Last des Nationalsozialismus politisch umzudeuten.
Rechtsextreme Akteure stünden unter dem Eindruck, dass ihr politisches Handeln untrennbar mit der NS-Vergangenheit verknüpft werde. Eine stärkere Betonung nationaler Größe und soldatischer Tradition solle dieses Bild überlagern: "Das ganze politisches Handeln von Rechtsextremisten ist überschattet von der Geschichte des Nationalsozialismus und der Geschichte des Holocaust. Das ist genau der Endpunkt, wo rechtsextreme Politik schon mal hingeführt hat. Das wollen sie loswerden und stattdessen hin zu einem Narrativ ruhmreicher deutscher Geschichte", sagt Löw.
Der stellvertretende Vorsitzende der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, erklärte öffentlich, das Bundesland könne zu einem "Sehnsuchtsort aller deutschen Patrioten" werden. In einer Landtagsrede sprach er zudem von "Gedenkstättenzeug" und bezeichnete junge Menschen, die sich intensiv mit der NS-Zeit beschäftigen, als "Nazi-Zombies".
Später relativierte er diese Wortwahl gegenüber Panorama und erklärte, gemeint sei ein politischer Umgang mit Geschichte, der aus seiner Sicht die AfD diskreditiere. Zugleich kritisiert er eine "schuldbeladene" Form der Erinnerung. Die NS-Verbrechen seien Unrecht gewesen, dürften die Gegenwart aber "nicht mehr belasten".
Für Kai Langer, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, ist das mehr als ein rhetorischer Ausrutscher. Wenn Gedenkstätten pauschal als politische Bühnen diskreditiert würden, sei das ein Angriff auf ihren Bildungsauftrag. Die Identität der Bundesrepublik gründe auf den Erfahrungen des Nationalsozialismus, etwa im Grundsatz der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Wer diese historische Grundlage relativiere, greife nicht nur einzelne Einrichtungen an, sondern das demokratische Selbstverständnis insgesamt.
Immer mehr Straftaten gegen Gedenkorte
Mit 352 Taten wurden 2024 die meisten Straftaten gegen Gedenkstätten seit der einheitlichen Erfassung im Jahr 2019 gezählt. Für 2025 liegen noch keine vollständigen Zahlen vor. Eine Abfrage von Panorama bei den Landeskriminalämtern zeigt jedoch, dass die Zahl der Straftaten mindestens auf einem ähnlichen Niveau bleibt.
Politisch-motivierte Straftaten gegen Gedenkstätten werden bundesweit seit 2019 einheitlich erfasst. In der polizeilichen Statistik zählen zu dem "Angriffsziel Gedenkstätte" auch Mahnmale oder sogenannte Stolpersteine, die in vielen Städten an das Schicksal von NS-Opfern erinnern.
Panorama hat 130 Gedenkstätten befragt, die an den Holocaust und andere NS-Verbrechen erinnern. Gedenkstätten in Deutschland beobachten mit Sorge steigende rechtsextremistische Vorfälle und ein politisches Klima, das sich gegen das Gedenken an den Holocaust richtet.
Insbesondere bei großen KZ-Gedenkstätten kommt es regelmäßig zu Schmierereien und anderen Vorfällen. Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald beobachtet etwa einen "Trend von Straftaten sowie Provokationen aus den Reihen junger Besuchender, auch aus Schulklassen heraus". Jugendliche würden etwa durch ihre Kleidung ihre rechtsextreme Einstellung zeigen, heißt es von der Gedenkstätte.
Die Zahl der Vorfälle in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen habe sich in den letzten Jahren verdoppelt, sagt ein Sprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Dazu zählen laut Stiftung neben rassistischen Beleidigungen und dem Zeigen des Hitlergrußes auch Sachbeschädigungen und Hakenkreuz- und israelfeindliche Schmierereien. "Was sich massiv verändert hat, ist das politische Umfeld, ablesbar am Erstarken der AfD und dem gesellschaftlichen Rechtsruck", so die Einschätzung aus Brandenburg.
Neue Entwicklung durch den Nahostkonflikt
Seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat die Polizei bundesweit mindestens 81 Straftaten gegen Gedenkstätten erfasst, die im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt stehen. Dazu gehören etwa israelfeindliche und antisemitische Schmierereien. Rund jede siebte Straftat gegen eine Gedenkstätte hat demnach einen Nahost-Bezug. Vor dem 7. Oktober 2023 gab es nur vereinzelte Fälle. Die meisten Straftaten gegen Gedenkstätten werden von der Polizei allerdings weiterhin als rechtsmotiviert eingestuft.
Nur wenige Taten werden aufgeklärt
Bei den meisten politisch-motivierten Taten gegen Gedenkstätten kann die Polizei keine Tatverdächtigen ermitteln. Insbesondere bei Sachbeschädigungen und Propagandadelikten bleiben die Täter oftmals unbekannt. Die Aufklärungsquote lag zuletzt bei unter zehn Prozent.
Dass es auch anders laufen kann, zeigt ein Fall aus Niedersachsen. Die Holocaust-Gedenkstätte Hannover-Ahlem war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel von Angriffen geworden. Immer wieder zerstörten Unbekannte Gedenkkränze und beschmierten Gedenktafeln mit antisemitischen Parolen. Nach einer Tat im Januar 2025 überführte die Polizei anhand von Videoaufnahmen einen Rechtsextremisten, der zum Tatzeitpunkt AfD-Mitglied war. Die Partei annullierte später die Mitgliedschaft.
Die schwerste Straftat in Zusammenhang mit einem Erinnerungsort ereignete sich im Februar 2025 am Berliner Holocaust-Mahnmal. Mit einem Messer griff ein damals 19-Jähriger einen Besucher in dem Stelenfeld an. Laut Behörden hatte der in Leipzig wohnende Syrer gezielt das Holocaust-Mahnmal aufgesucht, um "Juden zu töten". Das Opfer überlebte den Anschlag. Der Täter muss sich derzeit vor dem Kammergericht wegen versuchten Mordes und der versuchten Mitgliedschaft im "Islamischen Staat" verantworten. Er hat die Tat eingeräumt.
Mehr Besucher in Gedenkstätten
Trotz der Angriffe auf das Gedenken stellen Gedenkstätten weiterhin ein großes Interesse fest. Die Zahlen der Besucher und der Führungen sind fast überall stabil oder sogar gestiegen, berichten die Erinnerungsorte auf Panorama-Anfrage. "Viele Menschen gehen bewusst in Gedenkstätten, um ein Zeichen zu setzen, dass diese Orte relevant bleiben", beobachtet der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland, Oliver von Wrochem. "Das Bewusstsein kommt daher, dass es immer stärkere Angriffe gibt und die Gedenkstättenkultur und die Geschichtskultur insgesamt unter Druck gerät."