Gegen das Vergessen - Ein Denkmal für Clara Asch
Am 5. Mai wurde an der Ostseite der ehemaligen Synagoge das Denkmal für Clara Asch enthüllt. Es steht für die verfolgten und ermordeten jüdischen Menschen in Schaumburg und in Stafthagen.
Wir dokumentieren einige Fotos und Texte.
Andreas Kraus, unser Vorsitzender, konnte eine große Schar von BesucherInnen zur feierlichen Enthüllung des Denkmals an der Ostseite der Synagoge begrüßen.
Darunter auch zahlreiche Rednerinnen und Redner, die die Aufstellung des Denkmals begrüßten und ihren Wert hervorhoben. Und außerdem natürlich Frieder Korff - der Künstler, dem wir den Entwurf für dies Denkmal verdanken. Mit Gedichten, musikalischen Beiträgen und Reflektionen über das Schicksal von Clara Asch wurde die Zeremonie begleitet.
Beteiligt waren:
Frieder Korff, Künstler / Entwurf des Denkmals
Sophia Steinbrück, Schülerin am Ratsgymnasium Stadthagen
Dieter Schweimler, Stadthäger Stadtpoeten
Oliver Theiß, Bürgermeister der Stadt Stadthagen
Jan-Philipp Beck, stellvertretender Landrat - Landkreis Schaumburg
Pastorin Dr. Alexandra Eimterbäumer, Theologische Referentin / Landeskirchenamt Bückeburg
Dr. Elke Gryglewski, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Geschäftsführerin und Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen
Jens Müsele und Mitarbeiter, RBS - Rintelner Brenn- und Schneidbetrieb
Musik und Gesang:
Katharina Kühn (Gesang) und Dietmar Post (Gitarre)
Beitrag von Sophia Steinbrück, Schülerin am Ratsgymnasium Stadthagen
Auf einmal sind da fremde Männer in unserem Haus. Einer packt mich am Arm, er sagt, dass ich seinem Wort folgen solle, sonst würde ich sehen, was ich davon habe. Schon als sie hineinstürmten, schlich der Geruch von Unheil in der Luft mit. Meine Eingeweide krümmen sich lächerlich. „Pack deine Sachen, zackig und wehe du trödelst, dreckige Ratte“ zischt mich der eine an. Er ist leise, doch seine Stimme lässt meine Nackenhaare sich auftürmen. Es ist so irreal. Hier können doch nicht auf einmal fremde Männer in unserem Wohnzimmer stehen.
Komm Clara wach auf!
Das Ganze läuft wie in einem Film vor meinem inneren Auge ab. Schaue ich auf meine Gliedmaßen herab, so sind sie nicht mehr da, sie waren nicht mehr mein. Meine Brust ist eng, so unfassbar eng. Genau so, wie als ich das eine Mal ein Korsett anprobiert hatte zum Spaß mit Pauline. Doch lässt es sich nicht ablegen. Mein Herz schlägt, dass es ein Wunder sein muss, dass keiner zu merken scheint. Ich verlier die Kontrolle über meinen Körper. Die Angst rüttelt an mir. Ich zittere. Plötzlich werde ich angeknurrt: „Wird’s bald?“ Man könnte meinen, er hätte einen Dolch durch meine Kehle geschoben. Ich schaffe es kaum noch zu atmen. Zittrig ziehe ich schnell meinen Koffer vom Schrank hinunter und fange an verzweifelt nach meinen Habseligkeiten zu suchen. Was bringen sie denn noch, wenn sie dich jetzt sowieso in deinen Tod führen. Das ist, was man mit Abschaum wie dir tut, Clara. Ich räume meine Sachen in den Koffer. Meine Kehle brennt. Sie will schreien, so verdammt sehr, doch meine Stimme ward mir genommen, in dem Moment, als sie hier eintraten. Ich hätte verdammt nochmal damit rechnen sollen. Das Bild von den eingeschlagenen Scheiben unseres Geschäfts schwebt vor meinen Augen. Von dem Moment an hätte ich es spätestens wissen sollen. In meinem Geist erscheinen die zerschellten Scheiben unseres Geschäfts. Es war der 10. November 1938 gewesen. Unsere Fenster waren beschmiert worden. Daran hatte gestanden, dass die Menschen nicht bei Juden, nicht bei uns, kaufen sollten. Mit jedem Tag waren die Menschen abgeneigter von unserem Geschäft. Als ich meinen Koffer einräume, brennen meine Augen. Meine Kehle ist wie eingefroren und doch entfährt ihr ein Laut. Verzweifelte Geräusche, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie von mir geben konnte. „Du armselige Ratte, jetzt ereilt dich dein Schicksal. Natürlich bleibt die Arbeit mit dem Abschaum immer an uns hängen“, zetert der eine Mann. Wird das mein Ende sein? Ich schließe die Klappe meines Koffers, schnell packe ich noch einen weiteren. In mir kriecht Angst hoch, was passieren möge, wenn ich mich gegen sie wende, nur um zu prüfen, dass sie bewaffnet sind. Es wäre wahrscheinlich nur ein schnellerer Tod, also hielt ich mich an das, was sie sagten. Hauptsache es geht vorbei. Egal, was passiert, nur lass es schnell zu Ende sein. Der eine Mann geht zur Tür und sie wird mit einem lauten Knarzen geöffnet. Doch das Knarzen ist nicht mehr vertraulich, es wirkt nahezu bedrohlich, wie ein Abschiedsgruß unseres Hauses. Unser Haus, Hausnummer 31 auf der Niedernstraße, welches ich vielleicht nie wieder sehen werde, verlasse ich. Was ist, wenn meine Eltern nach Hause kommen? Werden sie etwas tun? Hoffentlich sind sie nicht auch in Gefahr. Ich würde ihr Leid auf mich nehmen, für sie mitleiden. Ich setze einen Fuß vor den anderen. „Einen Fuß vor den anderen“, sage ich mir. Irgendwie muss ich das durchstehen. Diesen Männern, in ihren Anzügen, die zeugten, dass sie von Hitlers Gefolgschaft kommen, wollte ich nicht die Genugtuung geben vor ihnen zusammenzubrechen. Bei jedem Schritt, den ich auf der Treppe tue, bin ich stolz auf meine Beine, die mich weitertragen. Das Licht fällt in das Treppenhaus als der Mann vor mir die Tür aufreißt. Langsam setzte ich meinen Fuß auf das Pflaster. An jeder meiner Seiten hängt ein Koffer. Der November scheint auf einmal unerwartet kalt. Noch nie hatte ich so stark, so tief gefroren. Ich bin nicht allein, denn es kamen andere SS-Männer mit Männern, nicht viele. Ich will sie gar nicht sehen, nicht wer sie sind, nicht die Angst, mit der sie ringen oder die Fassade, die sie aufsetzen. Wir wurden durch eine Gasse geführt bevor vor uns die Polizeiwache auftaucht.