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Zwischenbetrachtung zum Krieg mit dem Iran - High Noon mit Gary Cooper

In unregelmäßigen Abständen erhalten wir Post aus Israel: Unser Partnerreisebüro SK-Tours berichtet über die aktuelle Lage oder - wie diesmal - über eine Einschätzung des Krieges USA/Israel - Iran.

Es geht um die Frage "Wie verändert der Krieg die strategische Lage in Nahost und welche Zusammenhänge sind noch zu bedenken?" Die Überlegungen unserer Partner sind lesenswert und deshalb dokumentieren wir hier ihren Text.

SK-Bulletin April 2026

Unsere Partner von SK-Tours schreiben:

High Noon mit Gary Cooper - Zwischenbetrachtung zum Krieg mit dem Iran

Liebe Freunde und Partner,
seit bald zwei Monaten stehen der Nahe Osten und die Welt wieder Kopf. Und Fragen, auf die es viele und oft keine Antworten gibt. Wie üblich polarisiert das Thema Nahost. Wie immer geht es dabei auch um Wahrnehmung – wer schaut unter welchen Prämissen auf die Ereignisse?

Es ist völlig unmöglich, ein kohärentes Bild für das Konfliktszenario anzubieten. Dafür lädt die gegenwärtige, sehr wackelige und bedrohte Waffenpause dazu ein, zumindest eine Art Zwischenbetrachtung anzubieten, ein Unterfangen, daß viel Zeit und Zeilen in Anspruch genommen hat. Wo stehen die USA, wo der Iran, wo Israel, welche Rolle spielen die Europäer und warum ist China ein entscheidender Schlüssel für die aktuellen Ereignisse?

Zum Ende dieser Zwischenbetrachtung versuchen wir, vorstellbare positive Ergebnisse und vielleicht sogar ein Happy End des Waffengangs anzusprechen, weswegen dieses SK-Bulletin auch der Hoffnung und Gary Cooper gewidmet ist, dem Helden des Klassikers „High Noon“.

(...)

Für das SK-Team,
Ihr/euer
Georg Roessler

Den folgenden Text stellen wir auch als Arbeitsblatt zur Verfügung: Text als Arbeitsblatt 2026-06-03 AB sktours High Noon mit Gary Cooper - SK Bulletin April 26.pdf

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Schuß in den Ofen oder - High Noon mit Gary Cooper?!
SK-Bulletin April 2026
Ein auch nur halbwegs kohärentes Bild für das Konfliktszenario Naher Osten anzubieten, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiterhin schwer. Die gegenwärtige, sehr wackelige Waffenpause lädt dazu ein, zumindest eine Zwischenbetrachtung zu versuchen.
Auf jeden Fall gilt die alte Wahrheit: Integrität ist unmittelbares politisches Kapital! Wir erlauben unseren politischen Führern Entscheidungen, auch solche, die uns möglicherweise erst nicht überzeugen, weil, ja, weil wir Ihnen vertrauen... Entsprechend glauben wir Menschen wie US-Präsident Trump, Premierminister Netanjahu und anderen politischen Führern dieser Welt oft kein Wort – selbst wenn sie (ausnahmsweise?) einmal etwas Wahres sagen oder sogar etwas richtig machen sollten.
Personen wie Trump oder Netanjahu machen es uns leicht, sich von dem Krieg gegen den Iran abzugrenzen. Wer ‚mal eben‘ Grönland kassieren will, weil, ja, weil er eben will, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Auch eine Hetze gegen NATO kommt nicht gut, wenn man die gleiche NATO für einen (möglicherweise sinnhaften?) gemeinsamen Waffengang gewinnen will. Ähnliches gilt für Ministerpräsident Netanjahu: die Motive einer Person, die bereit ist, innenpolitisch das eigene Land in Stücke zu reißen und militärische Konflikte ausdehnt, um der eigenen Verantwortung und einer möglichen gerichtlichen Verurteilung zu entgehen, können nur zweifelhaft erscheinen.
Die Bedenkenträger dürfen sich gerade bestätigt sehen: der Angriff auf die Islamische Republik Iran erscheint als ein gewaltiger Schuß in den berühmten Ofen, aus dem jetzt die Funken spritzen und den USA und Israel die Finger verbrennen. Und vor allem die Gesichter verlieren lassen: Kein Zugriff auf das iranische Atom, keine vollständige Zerstörung des iranischen Raketenprogramms, kein Volksaufstand und Regimewechsel, Hizbollah und Huthis nicht ausgeschaltet, die Mullahs und Revolutionsgarden weiter in der Kontrolle und ein internationales Energiefiasko – keine schöne Bilanz!
Und das Völkerrecht scheint erneut gelitten zu haben: Auch wenn sicherlich nur wenige Menschen das Ausscheiden von Ayatollah Chamenei persönlich bedauern werden, entspricht die offene Intention, das Regime der Mullahs im Iran stürzen zu wollen weniger den völkerrechtlichen Vorstellungen. Und wer kann Putins Angriff auf die Ukraine oder einem Griff Chinas auf Taiwan überzeugende Argumente entgegensetzen, wenn auch die Amerikaner in Venezuela und jetzt im Iran ohne Rückbindung auf UN-Beschlüsse agieren? Völkerrecht perdu – es gilt wieder das Recht des Stärkeren...
Leider antwortet das aus den Erfahrungen zweier Weltkriege gewachsene Völkerrecht nur begrenzt auf veränderte Bedingungen. Neben der klassischen Bedrohung aus einem Nachbarstaat wird dieses Völkerrecht zunehmend konfrontiert mit ‚Proxy‘-Kriegen, oder mit irregulären Kampfgruppen, oder auch mit der Finanzierung von Terrorismus in oft weit entfernten Ländern. Auch der Begriff des Guerillakrieges hat sich verändert und völlig neue Dimensionen erfahren. Nach welchem Format lassen sich der Al-Qaida Angriff auf die Twin-Towers und das Pentagon, das iranische Attentat auf ein jüdisches Gemeindezentrum in Buenos Aires, islamistische Attentate in Paris, Brüssel und Madrid, lassen sich Hizbollah- und Huthi-Angriffe aus Libanon und Jemen und der Überfall der Hamas vom 7.Oktober 23 einordnen? Und welche völkerrechtlichen Regeln sollen für asymmetrisch geführte Auseinandersetzungen gelten?
Und natürlich steht in der Einstellung zum Krieg mit dem Iran weiterhin der postkoloniale Diskurs im Raum, der den Schlag auf den Iran für viele als weiteren Ausdruck imperialistischer Dominanz gegenüber einem Staat im Orient erscheinen läßt.
Wie auch immer - und wie immer, das Thema Nahost polarisiert. Für die Bewertung des Kriegs mit dem Iran ist am Ende wohl entscheidend, wie die politische Rolle der Islamischen Republik Iran eingeschätzt wird. Die Fragen, die sich dabei ergeben, laden zu unterschiedlichen Haltungen ein, die mit ihrer jeweiligen ‚Axiomatik‘ und den eigenen Prämissen dann ihre jeweilige Berechtigung finden.

Papst oder Kaiser...?
Der legendäre US-Außenminister Henry Kissinger hatte seinerzeit eine interessante Unterscheidung hergestellt, die an den bekannten Streit zwischen Kirche und Staat erinnert: Wer hat das Sagen?! Papst oder Kaiser, die Bibel, der Koran oder das Bürgerliche Gesetzbuch? Entsprechend unterscheidet Kissinger in der Beziehung von Staaten zueinander zwischen ‚legitimen‘ gegenüber ‚illegitimen‘ Staaten: Dabei müssen legitime Staaten nicht notwendigerweise demokratisch geführt oder ‚nett‘ in einem westlichen Sinne sein, um in einem internationalen Kräftespiel als rationale Partner in einer Normenübereinkunft beteiligt zu sein. Illegitime Staaten sind entsprechend von einem völlig eigenen System bestimmt, das mit den Normen der Staatengemeinschaft nicht kompatibel ist. Mit dieser Gegenüberstellung verbindet sich absolut keine Bewertung von besser oder schlechter – es macht nur darauf aufmerksam, was eine gemeinsame oder eben unterschiedliche Axiomatik für politisches Miteinander bedeuten kann.
Der Sturz von Shah Pahlevi und die islamische Revolution von 1979 haben den Iran in eine Theokratie geführt. Die Texte und Reden der Ayatollahs Chomenei und Chamenei und das politische Handeln der Islamischen Republik reflektieren die Ideologie und einen Stufenplan der Islamischen Revolution: eine schiitische Theokratie im Iran selbst, Kontrolle der sunnitisch-arabischen Länder und eine iranische Hegemonialvormacht, die auf Konfrontation mit regionalen Rivalen und vor allem dem Kampf gegen eine als dominierend erfahrene, als dekant begriffene westliche Welt setzt.
Die Umsetzung ist der ‚schiitische Halbmond‘ mit der politischen Kontrolle des Iran über Irak und Syrien bis Libanon sowie die Etablierung eines militanten ‚Feuerrings‘ mit der Hizbollah, Hamas, den Huthis sowie schiitischen Milizen im Irak, die den Iran schützen wie auch als Angriffsplattform für entferntere Ziele dienen können.  
Sehr früh hatte die Islamische Republik Iran begonnen, ihren Anspruch auf spirituelle und politische Hegemonie mit der Unterwanderung der arabischen Länder durch schiitische Bevölkerungsgruppen als ‚fünfte Kolonnen‘ durchzusetzen. Der erste, der dies erkannte, war Saddam Hussein, der darauf mit einem (erfolglosen) Krieg gegen den Iran und einer intensivierten Unterdrückung der schiitischen Mehrheit im Irak reagierte. Aber auch nach dem Sturz von Saddam Hussein und der Etablierung eines demokratischen Irak kommt dieser nicht zur Ruhe: Teheran übt weiterhin starken Einfluß aus, pro-iranische Milizen und Parteien im Irak sind fester Bestandteil der iranischen ‚Achse des Widerstandes‘, auch wenn Teile der Bevölkerung immer wieder (erfolglos) gegen den Einfluß Teherans protestieren.
Die sunnitisch regierten Staaten am Golf sind nicht weniger durch die iranische Unterwanderung bedroht: 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung Saudi Arabiens und der Vereinigten Emirate sind Schiiten, in Kuweit sind es 30 Prozent, in Bahrain sogar 65 Prozent. Bis zu dem Ausbrechen Syriens aus dem iranischen Orbit konnten sich iranische Regierungsvertreter damit brüsten, vier arabische Hauptstädte zu kontrollieren - Sanaa, Beirut, Damaskus und Bagdad.  
Gegenüber der militärischen Überlegenheit des Mullah-Regimes und seinen hegemonialen Ambitionen hatten die arabischen Golfstaaten über lange Jahre eine ‚pro-aktive Neutralität’ entwickelt: Auf der einen Seite suchten sie über amerikanische Militärbasen in ihren Ländern und Investitionen in die US-amerikanische Wirtschaft den Schutzschirm der USA, um sich auf der anderen Seite durch Abkommen mit dem Iran vor dessen Intervention und Sabotage zu sichern.
Mit diesem diplomatischen Doppelpack glaubten sie, trotz eines iranisch inspirierten Angriffs auf saudische Ölanlagen 2019, sich als eine Oase für Handel, Tourismus und Investitionen anbieten zu können. Diese Vorstellung hat der Iran in den vergangenen Wochen mit Angriffen nicht nur auf amerikanische Einrichtungen, sondern vor allem auch auf wirtschaftliche und touristische Ziele innerhalb der Golfstaaten zerschlagen. Die Islamische Republik Iran hatte allerdings auch schon lange vor Beginn des Kriegs angekündigt, daß sie überall dort angreifen werde, wo sich US-Stützpunkte befinden. Dies in Verbindung mit der iranischen Blockade der Straßen von Hormus und der Destabilisierung der internationalen Energieversorgung macht den Golfstaaten, aber auch der weiteren Welt mehr als anschaulich, welches Potential für ‚interruption‘ in den Händen des Iran liegt.
Mit den Schritten zu einer eigenen Atomwaffe und der Entwicklung von modernen Langstreckenraketen war die Islamische Republik Iran in die zweite und dritte Phase ihres Stufenplans eingetreten, die ihr Unangreifbarkeit und weitreichendes Angriffspotential gegenüber den arabischen Ländern und der westlichen Welt schenken werden – der religiös-militärische Hegemonialanspruch der Islamischen Republik Iran wird heute als unmittelbar und akut-konkrete Bedrohung wahrgenommen.
Das Atomabkommen 2015 mit dem Iran hatte man nicht nur in Jerusalem, sondern auch in Riad und Abu Dhabi für einen Fehler gehalten und entsprechend den Ausstieg der USA unter Trump und die neu aufgelegten Sanktionen gegen Teheran begrüßt, denn wie vermutet war die Uran-Anreicherung nur zwischenzeitlich zurückgestellt worden, um die Gelder, die dem Iran aus dem Abkommen zugeflossen waren, in seine Raketenentwicklung und der Aufrüstung seiner Proxies Hisbollah und Hamas zu investieren. Parallel dazu gab es Warnungen, u.a. auch von Seiten des deutschen Bundesverfassungsschutzes, daß Teheran weiterhin versuche, an moderne Technik für sein Kernwaffenprogramm zu gelangen. Es ist deswegen wenig erstaunlich, daß heute die Islamische Republik Iran von allen arabischen und islamischen Ländern offen verurteilt wird und Saudi Arabien wiederholt die USA auffordert, den angefangenen Krieg bis zum Ende zu führen.
Die Konsequenzen aus dem gegenwärtigen Konflikt und dabei vor allem dem Kampf um die Straße von Hormus sind für die Islamische Republik Iran absehbar: Der Ölexport ist das Fundament der iranischen Volkswirtschaft und deckt - trotz internationaler Sanktionen - fast 50 Prozent des Staatshaushaltes. Über 90 Prozent des iranischen Öl werden von der Insel Kharg aus verladen und über die Straße von Hormus exportiert, womit sich ihre Schließung durch den Iran selbst wahrscheinlich als Eigentor erweisen könnte. Der Gegenzug der Amerikaner, ihrerseits den Schiffsverkehr aus dem Persischen Golf heraus zu sperren, wäre damit auch der Weg, den Iran ohne weitere Waffengänge in die Knie zu zwingen, wenn es der Regierung Trump gelingt, eine solche Unterbrechung des internationalen Energieverkehrts auszusitzen trotz der Folgen auch auf die eigene und auf die Weltwirtschaft, trotz Zwischenwahlen in den USA und Druck von der MAGA-Basis.
Außenpolitisch hat sich die Islamische Republik fast vollständig isoliert, und dies nicht nur gegenüber der arabischen, sondern auch innerhalb der gesamten islamischen Welt, darunter Pakistan, Aserbaidschan, Kasachstan, Albanien, Türkei. Entsprechend waren jetzt auch die Überlegungen der Länder Saudi Arabien, Pakistan, Türkei und Ägypten, eine regionale diplomatisch-militärische Achse gegen den Iran zu begründen. Gleichzeitig waren weder Rußland noch das verbündete China in den vergangenen Monaten bereit, sich offen hinter die Islamische Republik Iran zu stellen.
Es erscheint unwahrscheinlich, daß die iranische Führung auf die Forderung nach Verzicht auf Atombewaffnung und ballistische Raketen eingehen wird, weil es die Selbstaufgabe der Islamischen Republik Iran bedeuten würde. Entsprechend werden die Mullahs und vor allem die ökonomisch im System verankerten Revolutionsgarden nicht aufgeben, sondern den Iran kämpfen lassen bis zum letzten Iraner.
Aber selbst wenn die USA sich auch ohne die Erreichung ihrer benannten Kriegsziele zurückziehen sollten, wäre die Islamische Republik Iran vor allem wirtschaftlich so am Ende, daß sie in naher Zukunft implodieren wird. Man kann damit rechnen, daß es trotz des anhaltenden Terrors durch die Revolutionsgarden und der paramilitärischen Basis gegenüber der Bevölkerung zu einem erneuten Volksaufstand kommen wird. Dabei wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das Militär – wie seinerzeit in der Tchechoslowakei oder später auch in Ägypten – zum Volk übergehen.

Massada-Doktrin 2023
Über die letzten 30 Jahre war Premierminister Netanjahu sich in zumindest einer Aussage treu geblieben: daß es nur mit dem Ende des Mullah-Regimes Sicherheit für Israel geben könne. Tatsächlich hatte die Islamische Republik Iran Israel schon gleich nach ihrer Entstehung vor 47 Jahren den Krieg erklärt. Einen Krieg, der über die iranischen Proxies Hisbollah, Hamas, Huthis, mit terroristischen Anschlägen auf jüdische Ziele weltweit und der Androhung der Auslöschung des Staates vor dem UN-Plenarium bis hin zu der berühmten digitalen „Restzeit-Uhr“ auf dem Palästina-Platz in Teheran geführt wurde. Das Ende Israels ist auf das Jahr 2040 festgelegt.
Demgegenüber war der Iran im April und Oktober 2024 dann zum ersten Mal mit eigenen direkten Raketenangriffen auf Israel aus einer „discountability“ herausgetreten, was mit einem israelischen Gegenangriff  auf die iranischen Atom- und Raketenanlagen im Juni 25 beantwortet wurde. Allerdings war es dabei, trotz Unterstützung amerikanischer Bunkerbomben, nicht gelungen, diese Anlagen vollständig auszuschalten. Und sehr viel schneller als erwartet hatte der Iran den Aufbau seines Kriegsarsenals wieder aufgenommen.
Hier kommt jetzt der 7.Oktober 23 ins Spiel, der einen Wendepunkt israelischer Sicherheitspolitik herbeigeführt hat. Bis zu diesem Datum hatte man sich vor allem auf ‚Einschätzungen‘ und Motivanalysen potentieller Feinde durch den eigenen militärischen Nachrichtendienst und Mossadberichte verlassen. Aber seid dem Fiasko der spektakulären Fehleinschätzung gegenüber den Zielen der Hamas gilt die Doktrin, jede militärische Aufrüstung der Gegenseite in der frühstmöglichen Phase zu verhindern. Deswegen hatten die israelischen Militärs gegenüber der forcierten Rehabilitierung der iranischen Raketenproduktion und dem Beginn des Wiederaufbaus seiner Atomanlagen einen erneuten Schlag für den Sommer 2026 geplant.
Die Aufstände im Iran im Dezember und Januar schienen der Regierung Trump die Möglichkeit für einen Regimewechsel im Iran anzubieten, was zu dem militärischen Aufmarsch der USA im Persischen Golf führte - und die israelischen Militärs zu einer Anpassung an die amerikanischen Pläne. Der Zeitpunkt für den unmittelbaren Schlag selbst wurde bestimmt durch die schwer nachvollziehbare Entscheidung der iranischen Führungsspitze, sich an diesem Morgen des 28.Februar physisch und an einem Ort für Gespräche versammeln zu wollen.

Wo sind die Europäer?
Lange vor dem Krieg und jetzt über die vergangenen Monate hinweg war erkennbar, wozu der Iran bereit und auch in der Lage ist: Massakrierung der eigenen Bevölkerung, Angriffe auf die umliegenden Länder und Ziele darüber hinaus, und dann auch die Unterbrechung der internationalen Energiewirtschaft. Den Zwickmühlenzug der Straße von Hormus, oder einen iranischen Anspruch auf Hoheitsrechte darüber kann eigentlich keiner weder wollen noch zulassen. Und einen atomaren Schutzmantel für internationalen iranischen Einfluß (Terror?) vielleicht noch weniger. Deswegen könnten die arabischen Golfstaaten, Europa und die westliche Welt gerade die Gelegenheit ausgelassen haben, an der Ausschaltung oder Reduzierung des Bedrohungspotentials der Islamischen Republik Iran pro-aktiv beteiligt gewesen zu sein. Zu denken, daß der Konflikt zwischen dem Iran und den arabischen Ländern und Israel „uns nichts angeht“, erscheint gefährlich. NATO-Generalsekretär Mark Rutte war dann ehrlich genug, um erklären zu können, daß der (amerikanisch-israelische) Versuch, Iran zu besiegen, ein Schritt zu einer sichereren Zukunft auch für Europa – und die Welt bedeutet.
Vielleicht waren die arabischen Länder ohne einen politischen Zusammenschluß tatsächlich auch weniger in der Lage, dem Iran militärische Spitze bieten zu können. Weniger nachvollziehbar ist das Verhalten der europäischen Länder, die sich vor allem und vorrangig von den unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen des Krieges bestimmt zeigen, oft artikuliert über eine moralische Verurteilung von USA – und Israel. Es bleibt unscharf, wo westliche Befindlichkeit ideologisch begründet ist oder wo sie von dem Wunsch bestimmt ist, einen ökonomischen Preis für Positionierung zu vermeiden.
Aus einer nahöstlichen Perspektive müssen sich die westlichen Länder und auch NATO als militärischer Zusammenschluß den Vorwurf des Paternalismus gefallen lassen, wenn sie der Iranischen Republik Iran einfach nicht glauben wollen, was diese sich selbst sagt und (!) der Welt offen ankündigt. Oder den einer bequemen Naivität, die geprägt scheint von der Erwartung, daß irgendwie doch alles gut gehen wird. Einen solchen Spielraum, abzuwarten und es darauf ankommen zu lassen sieht man in Israel und jetzt auch bei den arabischen Ländern nicht.
Seine Bedenklichkeit wird Europa nachhängen. Und gegenüber dem Regime einer islamischen Republik Iran auch nicht viel nützen.

Der Schwanz wedelt mit dem Hund?  Die USA und China.
Die verbreitete Vorstellung, daß amerikanische Flugzeugträger, Zerstörer und eine Armada von Kampfflugzeugen auf das Betreiben von Premierminister Netanjahu in den Nahen Osten und den Persischen Golf eingerückt seien, daß es 2002 der gleiche Netanjahu war, der die USA gegen deren besseres Wissen zu dem Sturz Saddam Husseins überredet hat, daß seine Rede 2015 vor dem amerikanischen Kongreß Präsident Trump (drei Jahre später) dazu gebracht hat, das Atomabkommen mit der Islamischen Republik Iran aufzukündigen, erscheint sehr unwahrscheinlich und kehrt – aus welchen denkbaren Motiven heraus auch immer – das Kräfteverhältnis zwischen den USA und Israel auf den Kopf:
Noch vor wenigen Monaten hatte Präsident Trump mit dem Rohrstock in der Hand Netanjahu dazu gezwungen, sich wie ein ertappter Schuljunge persönlich für seinen mißlungenen Angriff auf Hamas-Vertreter in Doha bei der katarischen Regierung telefonisch zu entschuldigen, ihn danach auch gezwungen, einen ungeliebten Waffenstillstand mit der Hamas in Gaza zu unterzeichnen. Auch der gegenwärtige Waffenstillstand zwischen Israel und Hizbollah ist nicht der Wille von Netanjahu, sondern amerikanisches Diktat.
Mit anderen Worten: Israel ist keine treibende Kraft, sondern - im besten Fall - Erfüllungsgehilfe. Und nicht die USA und Präsident Trump handeln, wie Israel will, sondern Israel macht, was die USA diktieren. Auf die Frage, warum Präsident Trump nicht der Einladung zu den Feierlichkeiten des israelischen Unabhängigkeitstages gefolgt sei, läßt eine aktuelle Karrikatur ihn antworten: „Israel - welche Unabhängigkeit?“
Amerikanische Politik war auch nie von philosemitischen Regungen geprägt. Eine stärkere Verbindung mit Israel sehen wir erst, als dieses sich nach 1967 zu einer westlich orientierten Größe und Partner für die geostrategischen Interessen der USA in der Region Nahost etablieren konnte.
In der US-amerikanischen Nahost-Politik geht es vor allem um die Kontrolle über Förderung und Verkauf von Öl und Gas, um Transportwege, um die Sicherung von pro-westlichen Partnern in der Region. Und heute, über fossile Energien hinaus, auch um das zukünftige wirtschaftliche Potential der Region angesichts tiefgreifender politischer und ökonomischer Neuorientierung insbesondere der Golfstaaten. Ausdruck dafür sind die ‚Abrahams-Abkommen‘, bei denen sich Trump-private und staatlich amerikanische Interessen mit regionalen Interessen auf eigene Weise verbinden. Die Übersetzung dieser Interessen, vor allem auch der arabischen Länder selbst, in eine neue regionale Wirklichkeit scheint gegenüber der Sabotage durch die Islamische Republik Iran mehr oder weniger unmöglich.
Die USA haben selbst eine lange Geschichte mit der iranisch-islamischen Revolution und dabei eine Vorstellung gewonnen, zu welchen Störungen der Iran fähig ist. Neben dem iranisch inspirierten Attentat auf amerikanische (und französische) Friedenstruppen in Beirut 1983, bei dem über 200 Amerikaner ums Leben kamen, war die wohl nachhaltigste Demütigung die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran 1979, bei der dutzende US-Diplomaten über mehr als ein Jahr als Geiseln festgehalten wurden. 1980 wurden dann auch die Straßen von Hormus zum ersten Mal vom Iran blockiert. Und als im April 1988 eine US-Fregatte durch eine iranische Mine schwer beschädigt wurde, führte das zu dem ersten amerikanischen Angriff auf den Iran selbst. Seid 2018 häuften sich Vorfälle, bei denen iranische Revolutionsgarden ausländische Schiffe festsetzten.
Die USA und heute Präsident Trump mußten tatsächlich nicht erst durch Premierminister Netanjahu oder durch den saudischen Kronprinzen Mohamad bin Salman auf die Brisanz des Iran aufmerksam gemacht werden: Schon 1988 erklärte Donald Trump in einem Interview, daß die USA – wenn er, Trump entscheiden könnte – bei iranischer Aggression die Charg-Inseln einnehmen würden, von wo aus das iranische Öl verladen wird. Seinen Willen, den Iran angreifen zu wollen, formulierte Trump allerdings schon viel früher, 1980 und in Verbindung mit dem Geiseldrama der US-Diplomaten in Teheran, um dieses Ziel über die folgenden Jahrzehnte in seinen Erklärungen immer wieder neu aufleben zu lassen. Heute kann ein Präsident Trump entscheiden.
Aber auch Kamela Harris, die heute die Position vertritt, daß Israel die USA in den Krieg mit dem Iran gezogen habe, benennt noch als Präsidentschaftkandidatin im Oktober 2024 den gleichen Iran als den größten Feind der USA, daß es für sie als Präsidentin höchste Priorität haben würde den Iran daran zu hindern, in den Besitz von Nuklearwaffen zu kommen.  
Aber - Politik ist selten eindimensional, und in der amerikanischen Politik  gegenüber dem Nahen Osten und dem Iran geht es vielleicht nicht nur um die unmittelbare Bedrohung der arabischen und der westlichen Welt durch iranische Atomraketen:
Die Regierung Trump hat den Aufstieg Chinas als die vielleicht stärkste Bedrohung der westlichen Industrienationen identifiziert: Die astronomischen Exportüberschüsse der chinesischen Industrie, ihre Überschwemmung der globalen Märkte nicht nur mit Billigwaren, sondern zunehmend auch mit hochwertigen Gütern wie Elektroautos, Maschinen und Chemieprodukten drohen die westlichen, aber auch die Volkswirtschaften der sich entwickelnden Länder zu ersticken und bedrohen ihre unmittelbare Zukunft auf existentielle Weise.
Nicht weniger beunruhigend ist die fast absolute chinesische Kontrolle über die für Hochtechnologie, Elektromotoren, Magnete und die Energiewende essenziellen Selteneerdmetalle. Wie dieses Monopol politisch eingesetzt werden kann, konnten die USA jetzt in ihrem gescheiterten Versuch von Schutztariffen gegenüber China schmerzhaft erleben.
Gleichzeitig und trotz seiner weltweiten Führung in der Entwicklung und dem Ausbau erneuerbarer Energien bleibt China aber auch für die kommenden Jahre der weltweit größte Erdölimporteur, wobei über 50 % des Öls aus dem Nahen Osten stammen. Gegenüber der schieren Größe Chinas, seiner militärischen Stärke, seiner aggressiven Exportpolitik und seinem Monopol über die Selteneerdmetalle scheint der einzige Weg, seinen Einfluß einzudämmen:  die Kontrolle über seine Energiezufuhr.
Aus einer solchen Perspektive ergibt die allgemein als so irritierend „erratisch“ erfahrene Politik von Präsident Trump mit einer internationalen, energiepolitischen Einschließung Chinas durchaus ihren Sinn: die Bereitschaft, die Ukraine zu opfern, um über Putin Einfluß auf russisches Öl für China nehmen zu können, eine amerikanische Kontrolle des Öls aus Venezuela und dem Nahen Osten könnten ein starkes Gegenargument zu chinesischer Erpressung mit Selteneerdmetallen und der Destabilisierung westlicher Märkte bedeuten.
So ungern man es sich eingestehen wird: Es scheint in dem Krieg mit dem Iran nicht nur um das unmittelbare iranische Aggressionspotential zu gehen – auch wenn das für sich allein einen ausreichenden Grund für eine Konfrontation mit dem Iran darstellt. Es geht in der gegenwärtigen Auseinandersetzung im Nahen Osten wahrscheinlich nicht weniger auch um unsere eigene wirtschaftliche und politische Zukunft als westliche Gesellschaften.  
Eine Einschätzung des Krieges mit dem Iran wird sich von einer Aufteilung der Welt in Gute und Böse trennen müssen. Es gibt sie nicht - zumindest keine Guten, wie bei allen kriegerischen Auseinandersetzungen. Es gibt Interessen und für uns selbst dabei die Frage nach der Seite, auf der wir uns mehr zu Hause fühlen.  

Hoffnungsschimmer...
Um eine solche Zwischenbetrachtung doch auch mit einem begründeten Optimismus abzuschließen: So, wie es gerade läuft, kann (!) es nicht weitergehen, und zwar für keine der beteiligten Seiten. Die Umtriebe der aktuellen politischen Gangster haben sich in einer Weise zugespitzt, daß wir möglicherweise gerade und wie im Film vor einem „High Noon“ stehen, bei dem Gary Cooper am Ende siegt! Deswegen können wir gegenüber dem noch offenen weiteren Verlauf des show-downs zwischen dem Iran und den USA das Geschehen am Golf vielleicht auch als eine Katharsis hin auf eine dann bessere Zukunft denken:
Vergleichbar mit der Thematik von russischem Erdgas für Europa zeigt der Konflikt um die Straßen von Hormus mehr als deutlich, welche politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten sich aus dem Einsatz fossiler Energien ergeben können. Erpreßbarkeiten, die keiner will. Entsprechend zeigen sich schon jetzt die erneuerbaren Energien als die potentiellen großen Gewinner aus dem Konflikt.
Der Nahe Osten wird sich mit neuen Allianzen neu aufstellen. Den arabischen Staaten ist klar, daß sich die USA als handelnde Kraft gegenüber der iranischen Bedrohung bewiesen hat, während gleichzeitig Rußland seinem Klienten Iran wegen des Ukrainekrieges nicht helfen kann, und China sich überhaupt ganz herausgehalten hat. Dies wird zu einer noch engeren Anbindung arabischer Länder an die USA und damit auch an den Westen führen – und zu Israel, weswegen der Politologe Karim al-Makdisi von der Amerikanischen Universität Beirut nicht ausschließt, daß die Abraham-Abkommen früher oder später auch zu einer offenen israelischen Präsenz am Golf führen werden. Eine solche stärkere Anbindung an den Westen wird mittelfristig die konservativen politischen Systeme der Region und ihre Zivilgesellschaften verändern.
Die Menschen im Libanon sind von den Folgen der militärischen Eskapaden der iranisch gelenkten Hizbollah gegenüber Israel und ihrer destruktiven Dominanz im Libanon, sind von der zerrütteten Infrastruktur und der Verschuldung des Landes und vor allem seiner politischen Instabilität in einer Weise erschöpft und frustriert, daß es vermutlich in der näheren Zukunft zu einem Abkommen zwischen den Staaten Libanon und Israel kommen wird.
Die Islamische Republik Iran wird sich in der näheren Zukunft auflösen. Über 90 Millionen Menschen werden eine neue Zukunft in der Region entstehen lassen.
Und Israel – wird im Herbst eine neue Regierung wählen, die versuchen wird, den politischen Scherbenhaufen seiner gegenwärtigen Regierung zusammenzukehren.
Vielleicht faßt das alles der Satz zusammen, mit dem der israelische Aktivist Yaya Fink seine Präsentationen beendet: „Im Konflikt lebt immer auch die Hoffnung...“

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